Freitag, 15.11. - Baalbek

Eishagelvoll

Also doch - Baalbek. Heute ist der letzte Tag im Libanon und trotz aller Widrigkeiten gestern unternehme ich nochmals einen Versuch zur Tempelstatt Baalbek im Osten an der syrischen Grenze. Die Straßen heute wären passierbar, so hiess es am Morgen. Es sollte nicht die einzige Fehleinschätzung dieses Tages sein.

Während man Richtung Norden noch die blockierten Autobahnen einigermaßen umfahren konnte, ist die Infrastruktur im Osten ohnehin schwächer ausgeprägt. Es scheint eben nicht nur in Deutschland ein augeprägtes Ost-West-Gefälle zu geben. Und wann man dann die Umleitung von der Umleitung der Umleitung gefahren ist, landet man letztendlich in irgendwelchen Hinterhöfen. Und da sich die Einheimischen auch nur bis zur nachten Kreuzung auskennen, dürfte ich am Abend so ziemlich jedes Kaff im Beeka Tal gesehen haben, Trotz der Tatsache, dass in dieser Gegend die Hisbollah das Kommando führt, zeigen sich zumindest die Durchgangsstraßen sehr liberal und auch gut in Schuss.In den Schaufenstern findet sich jeglicher Trend, den Frau auch auf Frankfurts Zeit erwerben könnte. Wir passieren  unzählige Militärposten und Checkpoints. 

Kurz bevor wir das Ziel erreichen, sind draußen bewaffnete Zivilisten zu sehen. Hisbollah-Leute. Die Männer bewachen verschiedene Gebäude in Baalbek, unter anderem eine Moschee. Und schauen kritisch zu uns in den Bus herein. Noch bevor ich den ersten Tempel sehe, versucht mir die Hisbollah T-Shirts mit ihrem Logo anzudrehen. Gelbe Shirts mit einem grünen Gewehr und islamistischen Sprachen drauf. Da ich mir bereits in Tiflis ein KGB Shirt mit Hammer und Sichel angeschafft habe, was ich nächtens an Fasching der Öffentlichkeit zeigen kann, verzichte ich auf den Handel. Die Tempelanlagen von Baalbek sind ja auch gleich um die Ecke, Vorn das Jupiterheiligtum mit seinen sechs verbliebenen Säulen, dahinter der noch fast vollständig erhaltene Bacchustempel. 

Normalerweise würde man an einem solchen Ort Massen von Touristen erwarten. Herumwuselnd zwischen diesen bedeutsamen Monumenten, vergleichbar vielleicht mit dem Colosseum in Rom oder der Akropolis in Athen. Oder eben dem Baal-Tempel in der syrischen Oasenstadt Palmyra. Und genau das ist das Problem: Syrien ist nicht weit. Die Terroristen des IS sind nicht weit. Die Gegend um Baalbek ist nicht sicher und deswegen kommen die Touristen schon lange nicht mehr in Scharen. 

Später, auf der Rückfahrt, mache ich einen Halt im Gebirge. Von hier aus kann man die Bergwelt um den Mount Libanon erkunden, immerhin fast so hoch wie die Zugspitze und doch nur 100 Kilometer vom Mittelmeer entfernt. Die Wanderung fiel buchstäblich ins Wasser. Während es in Beirut bis dato immer um die sonnigen 30 Grad war, ziehen wie aus dem Nichts Wolken auf. Ein unbeschreiblicher Regen, der sich zu meiner noch größeren Überraschung in einen Eisregel verwandelt. Der Hagel prasselt nur so auf die Klamotten. Pitschnass komme ich in der Stadt Zahle an. Es gibt eine Stärkung, leckere libanesische Spezialitäten werden aufgetischt. Während ich total durchnäßt an meinem Bier nippele, reift ein neuer Plan. 

War hier um die Ecke nicht der Winzer vom Mittwoch. Gesagt, getan und wir besuchen den Schankwart unserer Weinprobe von vorgestern. Nicht dass der Wein jetzt besser gewesen wäre, aber hier ist es zumindest trocken und das Ambiente erinnert irgendwie ans Spritzenhaus. Nur statt Licher eben Wein. Und Wein sei das einzige Produkt von Weltrang, was der Libanon exportiere, sagt der Mundschenk in fester Überzeugung.Na ja - lassen wir ihn im Glauben. Zumindest vom Preis her hat er recht, zumal das Weingut bis in die 70er Jahre sogar eine Lizenz vom Vatikan hatte. 

Vor dem Rückweg grauste es mit allerdings dann wieder. Endlose Umleitungen, diesmal durchqueren wir syrische Flüchtlingslager. Unzählige Autos schlängeln sich durch die engen Wege, man hat das Gefühl, dass den Libanesen irgendwann das Öl ausgeht. Denn auf einen Kilometer normaler Strecke kommt derzeit das Vierfache an Umweg. Dennoch geht es schneller als gedacht., Auch in Beirut hat es das erste mal in diesem Jahr geregnet und manche der unbefestigten Straßenblockaden wurden von den Demonstranten geräumt. Auch im Libanon findet die Revolution nur dann statt, wenn’s gemütlich trocken ist. Es ist jetzt 19 Uhr Ortszeit. Ich mache noch einen Kneipenbummel, denn die Nacht wird lange. Um 4.30 Uhr geht der Flieger nach Bagdad und solange muss ich heute noch durchhalten. 

P.S.: Schilder auf der Straße: Wenn ihr Revolution wollt, dann hupt. Da hier jeder Libanese Tag und Nacht hupt, hupt unser Busfahrer heute nicht. Er will sich nicht als Revolutionär zu erkennen geben. Lärmschutz auf libanesisch ...