Donnerstag, 14. 11. - Tripoli

Geisterfahrer

Im Libanon ist Revolution. Das höre ich zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Seit gestern Abend jedoch bahnt sich etwas an. Das Militär hat weiträumig die Strassen abgesperrt und scharfes Gerät an allen Ecken positioniert. Allein der Weg zum Hotel gerät so schon zum Zickzackkurs. An zwei Stellen am Platz der Martyrer sehe ich zudem Kerzen und Lichter aufgebaut. Womöglich steht die Militäraktion in Zusammenhang mit dem Getöteten. 

Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist dass die Straßen in den Norden derzeit nicht passierbar sind. Keine Busse, keine Touren, kein nichts - oder doch. Sucht man Beirut auf Google Map glaubt man, die Stadt sei belagert. In allen Himmelsrichtungen findet man rote Zeichen mit einer Bake. Straße gesperrt. 

Ich gehe zur zentralen Busstation, die unter einer Schnellstraßenauffahrt ein tristes, dunkles und verdrecktes Dasein fristet. In dem Häuschen, das den Schalter nach Tripoli darstellen soll, langweilt sich ein Mitarbeiter. Von den 25 Bussen täglich fährt derzeit kein einziger, morgen nicht und übermorgen sehen wir mal. In solchen Situationen gibt es nur eins: finde einen wagemutigen Taxifahrer, der alle Umleitungen kennt und Lust auf einen Nervenkitzel hat. Ich finde tatsächlich jemanden, der, so wird mir später klar, diesen Ausflug noch mehr als bereuen wird.

Um überhaupt aus Beirut rauszukommen, muss man die Sperren geschickt umfahren. Wir machen quasi alles: Geisterfahren auf der falschen Seite einer zweimal vierspurigen Autobahn, verbotene Abzweigungen, die dann doch immer wieder von Sperren neutralisiert werden. Wären wir die einzigen auf der Straße, es wäre ein Spaß geworden. Da aber jeder irgendwie weiter will, entsteht ein unbeschreibliches Chaos. Nur viel weiter kommt man nicht. 

Nach rund einer Stunde haben wir es geschafft. Die weitere Strecke bis Tripoli ist erstaunlich schnell zurück gelegt. Doch rund 10 Kilometer vor der Stadt beginnt der Stress erneut. Brennende Autos, umgeknickte Strassenlampen und brennende Reifen machen die Straßen  wieder unpassierbar. Während in Beirut das Militär absperrt, sind hier die Opositionellen diejenigen, die den Verkehr zum Erliegen bringen. Oder zumindest umleiten. Mein Taxifahrer kommt nur noch ins schwitzen, da er sich hier absolut nicht auskennt. Zudem finden die Umleitungen nicht über Asphalt, sondern staubige Pisten statt. Ansonsten qualmt und stinkt es, und der von brennenden Reifen in Mitleidenschaft gezogene Strassenbelag macht meinen Fahrer auch nicht gerade glücklich.

Bei jeder Gelegenheit versucht er mir zu erklären, dass es ab hier nicht mehr weiter geht. Finished, here closed, so höre ich es im Minutentakt. Doof nur, dass alle anderen weiter tuckern. Im Schneckentempo, aber eben nach vorn. Bis zum Glockenturm muss mein Fahrer noch durchhalten, dann steige ich aus. Mein Gesicht ist rabenschwarz von den brennenden Reifen, doch die erste Etappe ist geschafft.

Tripoli ist eine andere Welt. Denn gegen das kosmopolitisch, im Krieg stark zerstörte und mit Wolkenkratzern wieder aufgebaute Beirut, ist die Stadt so richtig arabisch und leider auch sehr verdreckt. Ich gehe direkt in die alten Souks, sehe Straßenhändler, Männergrüppchen, die in Parks Shishas rauchen und junge Libanesinnen mit Kopftuch, die in Gruppen durch die Straßen laufen. Tripoli ist muslimisch, auch wenn wie überall hier alles mit den Phöniziern beginnt. Man liest heute allerdings eher vom Straßenkrieg zwischen Sunniten und Alawiten. Das Image ist hinüber und das merkt man auch. Touristen? Fehlanzeige!

Der Rundgang ist überschaubar. Erst gehe ich zur Zitadelle, dann in die alten mamlukischen Souks, wo Schmuck, Kleidung, Essen, Gewürze und vieles mehr verkauft wird. Ich gönne mir einen Mokka und ziehe wieder von dannen. Auch mein Taxifahrer wartet schon sehnsüchtig, zumal mir auffällt, dass ich ihn mitten auf dem Platz zurück gelassen habe, wo derzeit die Opposition ihre Aktionen für den morgigen Tag vorbereitet. Mit Vollgas brettern wir von einigen Ausnahmen abgesehen, wo gerade brennende Reifen gelöscht werden, zurück. Wobei Vollgas relativ ist. Der uralte Mercedes bringt’s gerade auf 120, klingt aber so, als sitze ich in einer Rakete.

P.S.: Gestern Abend bin ich noch in einer urigen Kneipe gelandet. Der Besitzer ist Fan von Union Berlin. Was denn das soll, frage ich. Die Antwort: waren mal zwei Typen da, haben einen Aufkleber an die Wand geklatscht und einen Riesenumsatz gemacht. Mensch, denke ich, wo bekomme ich jetzt einen St. Pauli Aufkleber her.Lg an H1