Mittwoch, 13. November - Bekaa Tal

Wein, Weib und Probleme um 27 Uhr

Der Osten des Libanon wird mir vielen Sachen in Verbindung gebracht. Interessanterweise auch mit Haschisch, Heroin und Kokain. Liegt wohl daran, dass hier die Straße nach Damaskus führt und das Bekaa Valley – Achtung Dejevu - eine Hochburg der Hisbollah. Ich konzentriere mich heute auf andere Sachen, nämlich Tempel und Wein. Libanesischer Wein soll ja doch einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und die Bekaa-Ebene zu den ältesten Anbaugebieten der Welt gehören. Nun gut, hoffentlich sind die servierten Jahrgänge nicht vor 5-9000 Jahren verkorkt worden. Und mit der Wiege des Weinbaus, was hier auch propagiert wird, werben vermutlich nicht nur die Libanesen. Vielleicht haben die Römer sogar Dorn-Assenheim der Winzerei gefrönt, aber da hätte man vielleicht noch etwas graben müssen.

Wir verlassen die Stadt und es geht auf die Straße nach Damaskus, die den Libanon, Syrien und Jordanien verbindet. Ein Checkpoint des Militärs wird passiert, anschließend geht es flüssig weiter. Die Grenze zu Syrien ist nur noch 35 km entfernt. Ziel ist ein Winzerbetrieb, der von einem Franzosen geleitet wird. Expertise ist eben wichtig, denn schon die Römer errichteten zu Ehren von Bacchus, dem Weingott, einen Tempel in Baalbek, der noch heute existiert. 

Die Weinprobe bei über 30 Grad ist schon eine echte Herausforderung. Exakt 15 verschiedene Sorten werden serviert und mit dem Nachschenken ist man hier iom Gegensatz zu anderen Lokalitäten auf dieser Welt nicht so knauserig. Hinzukommt, dass in der Gruppe auch noch fünf weitere Weintrinker sind, die in den letzten Wochen offensichtlich zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen haben und jetzt einen gewissen Nachholbedarf verspüren. Natürlich hat man die Gelegenheit, die heimischen Vorräte mit libanesischem Wein hier gleich mit aufzustocken. Was dennoch auffällt. Die Damen, die hier den Wein verkaufen, haben wohl letzte Nacht noch in einer Bar in Beirut gearbeitet und vergessen sich umzuziehen. Na gut, es is aber auch ziemlich heiß hier ...

Natürlich hat auch der Wein seine Wirkung bei mir nicht verfehlt. Zum Abschluss wird noch ein leckerer Cocktail gereicht und wer jetzt immer noch nicht genug hat, kann dem Nationalgtränk Libanons frönen - dem Arak. Ist das gleiche wie Raki oder Ouzo. Ich frage mich nur, wie das zusammenpasst. Hochburg der Hisbollah und Komasaufen.

Die Tempelanlage von Baalbek, eine antike Ruinenstadt habe ich übrigens nicht gesehen. Das gewaltige Kulturerbe ist nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt und damit immer wieder Anlass für spontane Straßensperrungen. Ich höre mich um. There are problems heißt es manchmal etwas nebulös, wenn das Gespräch auf Baalbek kommt. Problems? Die sehen deinen Bus von der Straße aus und nehmen alle mit, so wird mir berichtet. Klingt eher nach einer Gefälligkeit als nach drohendem Kidnapping. Schade, vielleicht versuche ich es morgen nochmal, aber einen Vorteil hatte die Tempeltour ohne Tempel. Wir kamen früher zur Weinprobe.

Noch ein Nachtrag zu gestern. Das Beirut mit Ausgehvierteln wie kaum eine andere Stadt gesegnet ist, habe ich schon mehrmals erwähnt. Und zwischen all den schicken Bars, Szenetreffs und Clubs, wo ich mit meinem Outfit ohnehin nicht reinkomme, gibt es noch die verrufenen Hafenspelunken a la Silbersack auf St, Pauli. Eine davon wir die Ewige Kneipe genannt, genau genommen, heißt der Kabuff hier Captain’s Cabin. Eine Kneipe, die wahrscheinlich seit ihrer Gründung dieselbe Einrichtung hat, ähnliche Gäste glücklich macht und, so munkelt man, noch nie einen Putzlappen gesehen hat. Dennoch ist ein ein Besuch im Captain’s Pflicht – Kult eben. Dart, Billard, hier wird gespielt, gelacht, getrunken und am Ende des Abends bzw. der Nacht habe ich auch den halben Laden kennengelernt.

Die Leute hier erzählen viel und der Alkohol tut sein übriges. Leider viel Theorie als praktische Diskussionen. Die Revolution müsse kommen, man muß den Jugendlichen eine Chance geben, so heißt es. Lachhaft, denn von dem bisschen Fähnchen schwenken und Wasserpfeife rauchenden Happenings am Märtyrer-Square ergibt sich keine Revolution. Da nutzt es auch nichts, die Wände zu beschmieren und Schaufensterscheiben der Banken einzuwerfen. Das Militär ist an jeder Ecke mit schwerem Geschütz präsent und lungert relaxt herum. Das macht man nur, wenn man sich sicher ist, die Situation unter Kontrolle zu haben.

Also lasse ich die Sektierer reden. Von linksideologischen Streitgesprächen bis zur Erfindung einer neuen Religion - kein Gespräch ist zu absurd, um hier nicht geführt zu werden. Und denn der Höhepunkt. Auch ich muss mich mit einem schwarzen Marker an der vollgemalten Wand des Ladens verewigen. Ehe, wem Ehre gebührt. Vielmehr bleibt auch nicht zu sagen, um diesen Laden anzupreisen, den Rest muss man selber erleben. Außer vielleicht, dass das Bier spottbillig für hiesige Verhältnisse ist.

Der nächste Krieg im Libanon kommt bestimmt, so erzählt mir der Besitzer der Captain’s Cabin. Denn eines scheinen die Libanesen über die Jahre gelernt zu haben: dass man nie weiß, was morgen kommt. Und so feiern sie lieber heute, als gäbe es kein Morgen mehr.

P.S.: Momentan sitze ich in der Bar 27 in Badero – auch noch so ein Ausgehviertel. Das Wifi-Password lautet „dead at 27“. Was soll das bedeuten? Tot um 27 Uhr oder am 27ten des Monats? Oder wenn ich 27 Bier getrunken habe. Wir lassen es drauf ankommen...