Dienstag, 12. November - Byblos & Jeita

Grottengut

Das Geilste am Libanon ist, dass man von Beirut aus alles machen kann. Kein Rucksackpacken alle 24-48 Stunden, sondern einfach aufstehen und den nächsten Winkel des Landes unter die Lupe nehmen. Eine halbe Stunde  nördlich von Beirut liegt Byblos mit ihrer analog von Tyros jahrtausendealten Kultur. Schon von weitem ist die Zitadelle zu sehen, die wenn man sie denn erst bestiegen hat mit einem weiten Blick aufs omnipräsente Mittelmeer belohnt wird. Gleich hinter dem schmalen Küstenstreifen kommt man bereits ins Libanon-Gebirges. Die hier prägende Kombination aus Berg und Küste wäre andernorts sicherlich Garant für einen boomenden Tourismus.

Hier komme ich mir relativ verlassen vor. Ok - wieder ne Ausgrabungsstätte. Das habe ich ja vor der Haustür. Doch während dort nur die Römer zu Besuch waren gib es im Libanon eine Ansammlung von allem seit der Bronzezeit um 6000 vor Christus. Das Heist  Bronze, Eisen, Phönizier, Perser, Griechen, Römer, Araber, Osmanen und der Papierkorb aus dem Jahre 2019. Mir fallen ein Obeliskenpart und ein kleines Amphitheater auf, große Vorstellungen hat es hier anscheinend aber nicht gegeben, Ansonsten hockt die zugegebenermaßen durchaus sehenswerte Zitadelle auf den spärlichen Resten dieser beispiellosen Geschichte wie eine Glucke auf Ihrem Ei.  

Den Mittag verbringen ich im merkwürdigsten Souk aller Zeiten. Natürlich gibt es hier wie in solchen Einrichtungen alles zu kaufen, aber der Souk ist auch eine einzige Kneipenmeile. Selbst auf den Straßen stehen die Barhocker und trotz nicht nennenswerter Kundschaft gönne ich mir ein Almas, das ist hier die Platzhirsch-Brauerei am Ort. Da auch kleine Mosche zu sehen ist, wundert mich der Alkoholausschank auch nicht besonders. Byblos ist Zentrum der Maronites, einer christlichen Gruppe.

Auf dem Rückweg mache ich Station in Jounieh. Hier beginnt die Gondelbahn hinauf zum Marienheiligtum Harissa. Die Gondelfahrt an Hochhäusern und Balkonen mit Blick in alle Schlafzimmer ist ein Erlebnis und entpuppt sich fast als Highlight des Nachmittags. Also nicht wegen irgendwelchen Aktivitäten im Schlafzimmer, sondern natürlich der Landschaft wegen. Innerhalb kürzester Zeit hat man einen beeindruckenden Blick auf die Häuserbauten an den Gebirgshängen. Oben herrscht reger Betrieb, auf den die 15 Tonnen schwere Marienstatue stoisch herabblickt. Gleich daneben findet sich eine Kathedrale aus Glas und Beton, deren Architektur an eine Skisprungschanze erinnert. Passt ja auch zum Gebirge. 

Das wirkliche Highlight war jedoch die Jeita-Grotte – eine Tropfsteinhöhle. Oder besser gesagt zwei, eine oben, eine unten.Die Grotten sind absolut sehenswert; der Weg  über Brücken ist zwar nichts für Menschen mit Höhenangst. Aber die Vielfalt der Tropfsteine, die Größe der Räume und die Fahrt über den Fluß in der unteren Grotte sind der helle Wahnsinn. Fotografieren ist strengstens verboten was mit einer merkwürdigen Begründung erklärt wird. Der Flash tut den Stalagmiten, Stalaktiten und was da sonst noch so tropft nicht gut. Selten so einen Blödsinn gehört, kann man ja ohne Blitz knipsen. Aber auch das ist nicht erwünscht. Mehr Angst als vor dem illegalen Fotografieren habe allerdings während der Bootsfahrt. Wird doch nicht ein Fels aus 60 Meter runtermachen. Sicherheitsvorkehrungen gibt es jedenfalls keine. Ok - kann sich ja auch kein Stalaktit vor meinem Bltz erschrecken.

Rückblende: gestern habe ich im Ausgehviertel Pgoraud-Strasse noch eine Bekanntschaft gemacht. Einen Drusen - auch wieder eine der 18 Religionen hier vor Ort. Doch die Drusen, so wird mir erzählt, haben die herrschenden islamischen Strömungen vor knapp tausend Jahren hinter sich gelassen und glauben seither an die Reinkarnation. Eigentlich ein Gegengift zum Märtyrerkult im Nahen Osten: Wer stirbt, kommt hier nicht ins Paradies, sondern muss dann quasi ab sofort in einem anderen Körper weitermachen. Ihr solltet mal bei der Hisbollah missionieren, sagte ich. Doch der Konter kommt sofort: Geht nicht, so die Antwort. Druse kannst du nicht werden, als Druse wirst man geboren.

Ich erzähle ihm von meiner aufgezwungenen Taxifahrt aus dem Schiitenviertel. Er hat einen Freund dort. Sein Vater ist dort quasi der Ortsvorsteher. Hauptberuflich Besitzer eines Mobilfunkladens in dem heruntergekommenen Stadtteil, Kettenraucher und als Vorsteher zuständig für Eheprobleme, Geldsorgen und Auslegung religiöser Regeln in seiner Nachbarschaft. Nur seine Nachbarn, die Alawiten in einem ebenso heruntergekommenen Viertel kann er nicht leiden. Mit denen liefert er sich in regelmäßigen Abständen Feuergefechte. 

P.S.: Tickets für die Seilbahn kann man an einem Stand im Wallfahrtsort Harissa machen. Allerdings bekommt das Ticket nur, wer vor dem Verkäufer das Kreuzzeichen macht. Ist das hier so Usus, oder sind die Gondeln in einem derart schlechten Zustand? Lg an H1.