Sonntag, 10. November - Beirut

Duck Dich

Die erste Nacht in Beirut verbringe ich nicht im Bett. Denn jeder Neuankömmling macht sich erst einmal auf die Suche nach dem hippen Beirut, dem Sündenpfuhl dieser wahlweise Schweiz oder Paris des Nahen Ostens. Jedenfalls soll Beirut die beste Partystadt der Welt sein. Ums vorweg zu nehmen - das finde ich jetzt doch etwas übertrieben.

Tourism in Lebanon went down 60 percent“, erklärt mir der Barkeeper, eine Holländerin in einem Irish Pub im Zentrum von Beirut. Nur ein Beispiel für das kosmopolitische Flair der Stadt. Allerdings wird auch klar, das Schicksal des Libanon ist untrennbar mit Syrien verknüpft. Und der Bürgerkrieg dort geht nun ins zehnte Jahr.

Das nächtliche Beirut ist merkwürdig. Entweder ist Party oder gar nichts los. Vor allen ist es sicher, auch wenn das überall präsente Militär nicht als Touristenpolizei fungiert, sondern vermutlich in den derzeit tobenden Unruhen gegen die Regierung ihren Ursprung hat. Egal - der Rückweg mitten in der Nacht und mit einem 4-0 der Bayern gegen Dortmund im Gepäckt ist menschenleer. Ich laufe hier als Ortsfremder spät in der Nacht durch Beirut, habe von nichts eine Ahnung und fühle mich sicher. Und das im Nahen Osten - ich bin verblüfft.

Heute der erste richtige Tag. Beirut ist bunt und vielfältig. Irgendwie der totale Kontrast zum Moloch Kairo, wo ich mich im März vier Tage aufhielt.  Ein Mix aus 18 Religionen, zig Kulturen und zig Sprachen. Gut, die Religionen sind meist die unterschiedlichsten Ausprägungen von Christen und Moslems. Jeder hat hier seinen Shop und in der eigenen Familie streitet es sich ohnehin am Besten. Sunnies gegen Schiiten, syrische, katholische und was weiß ich noch kämpfen um die Deutungshoheit der Bibel. Und zwischendrin die Drusen, deren Bedeutung ich mir erst noch ergoogeln muss.

Die Straßen sind voll. Der Mix aus Schrottautos und aufpolierten Supermodellen hupt im Takt. Am schlimmsten sind die Taxifahrer, die mich auf Schritt und Tritt auf der Suche nach einem Fahrgast anhupen. Nervig, aber ich gewöhne mich dran.

Der Tag beginnt an der Corniche mit Blick aufs Mittelmeer. Und kurz zu machen: andere Städte haben in Punkto Strandpromenade mehr zu bieten. Kein Vergleich beispielsweise zu Tel Aviv. Einziger Höhepunkt: Der Pigeon-Felsen, dessen Monopol auf die Aussicht sich Starbucks unter den Nagel gerissen hat. Ok - Zeit für ein Käffchen im Freien. 

Entlang der Corniche reiht sich ein libanesisches Restaurant an das andere. Es riecht nach Apfel und Minze, was entweder der Küche oder den unzähligen Wasserpfeifen zu verdanken ist. Weiter geht’s nach Hamra, authentisch libanesisch- was immer das heißt. Arabische Musikklänge aus fetten Boxen übertönen das Hupen der vielen Autos besonders auf der viel zu engen Durchgangsstraße. Die Leute hier sagen dazu auch Boulevard. Ich probiere eine schnelle Wasserpfeife und einen kleinen, viel zu starken Kaffee. Danach bin ich dann auch erst mal groggy. 

Irgendwann komme ich zum Place de l’Etoile in die Innenstadt. Der Platz vor dem Parlamentsgebäude erscheint wie der sicherste Ort der Stadt, was hierzulande ever beunruhigend ist: Aus Angst vor Autobomben ist das ganze Gebiet durch Straßensperren abgeriegelt. Mitten auf dem Platz steht ein Turm mit einer Uhr: sponsored by Rolex. 

Ich verbringe den Nachmittag auf dem Platz der Martyrer. Hier ist ein Camp der Opposition aufgebaut, wo jeden Tag Tausende gegen die Regierung, Korruption und die hierzulande üblichen Unannehmlichkeiten protestieren. Sie verlangen den "Sturz des Regimes" und eine "Revolution". Außer den vielen Fahnen sind die Aktionen aber weit von revolutionärem Enthusiasmus entfernt. Vielleicht kann ich da noch den einen oder anderen Tipp geben?

P.S.: An der Universität sind Panzer aufgefahren. Ich muss einen davon direkt passieren. Vor dem Rohr denke ich, Duck Dich -  man weiß ja nie. Kommentar eines Militärs: Oh my god! Ich: caution is the mother of the porcellain box. Ich denke das muss ich nicht übersetzen. Doch ein verwirrter Soldat bleibt zurück ...