Montag, 11. November - Sidon & Tyros

Hisbollah? Hisballaballa!

Heute geht es raus aus Beirut. Und zwar zu den Phöniziern. Wer nicht weiß, wo und wem die Freunde zuzuordnen sind, dem sei gesagt. Ich kannte diese auch nur aus Asterix und Obelix. Tatsächlich handelt es sich hier um einen Stamm, der vor Christi seine Hochphase hatte und irgendwann zwischen Alexander dem Großen und den Römern Platt gemacht wurde. Ursprünglich im heutigen Libanon und Israel beheimatet hatten die Freunde ein beeindruckendes Geschäftsmodell. Es wurden nämlich keine Länder, sondern nur die Küste und Strände besetzt. Insofern gehörte den Phöniziern nur wenig Land, dafür aber jeder Strandkorb von Sizilien im Uhrzeigersinn bis Kathargo. 

Ziel ist der Süden mit Sidon und Tyros und was drumrum wo dazugehört. Der Vorteil: Im Libanon fährt niemand länger als eine Stunde mit dem Auto, spätestens dann ist man an einer Grenze, wo es nicht weitergeht. Syrien (Krieg), Israel (Feind) und Türkei (Flüchtlingslager) sind für den autoverliebten Libanesen Endstation.

Allerdings pfeift hier der öffentliche Nahverkehr auf dem letzten Loch. Überall Autohäuser von jeder Luxusmarke, aber Klapperkisten als Busse, die durch die anhaltenden politische Krise auch nur nach dem Motto Zufall abfahren. Und Zufälle soll es im Libanon eher weniger geben. Taxi wäre auch noch eine Option, aber Taxifahrer sind für mich nach zwei Tagen die personifizierte Mafia, zu der ich selbst unter Beschuss der Hisbollah nicht einsteigen würde.

Sidon. Ich spulte zunächst mein Kulturprogramm ab und spazierte zur ersten Ausgrabungsstelle. Die Ruinen gehören zum Weltkulturerbe, genauso wie die Altstadt mit ihren tollen Shouks. Zudem befinden sich hier palästinensische Flüchtlingslager. Soll man eigentlich nicht durchqueren, da Islamistenhochburg. Aber wenn man von der Bushaltestelle in Richtung Altstadt läuft kommt man zwangsläufig vorbei. Sidon ist mit 6-8 Tausend Jahren eine der ältesten Städte der Welt. Erst Hafenstadt der Phönizier, dann kamen die Perser, die Römer. Irgendwann nahmen die Araber das Zepter in die Hand, auch deutsche Kreuzritter und zuletzt die Israelis machten ohne gültiges Einreisevisum ihre Aufwartung. 

Am Rand des Viertels sind die Spuren gewalttätiger Konflikte nicht zu übersehen. Die mit Einschusslöchern übersäten Hauswände wirken besonders verstörend. Ich steune durch die Shouks und mache in einem türkischen Süßwarenladen Station. Hier könnte die Firma Sudzucker noch Profit machen. Alles Marke Diabetikerschock. 

Tyros: Die kleine Anlage war recht schnell erkundet. So viel gab es auch nicht zu sehen. Und was es zu sehen gab, war abgesperrt, damit man nichts kaputt trampelt. Dafür war die Lage sehr schön und über den Blick auf's Meer hab ich mich gefreut. Die zweite Ausgrabungsstätte machte da schon deutlich mehr her. Triumphbogen, Arkaden und ein riesiges Hippodrom konnte man hier bestaunen. Die Anlage ist sehr groß und es irrten gerade mal 3 Touristen herum. Hier könnte sich unser Herr Kreisarchäologe mal richtig austoben und nicht nur bei mir unter der Hütte nach den guten alten Römern buddeln. 

Nach so viel Kultur war ich reif für den Strand. Nein, kein Badeurlaub, aber es gibt in Tyros eine deutlich schönere Strandpromenade als in Beirut. Fliegende Händler parken dort ihre alten Busse und bieten Getränke und Shishas an. Danach noch ein Abstecher in die Altstadt und zum gemütlich beschaulichen Hafen. Die Stadt war leergefegt, es war Feiertag und da gehen die Leute in die Moschee. Der Muezzin gab sich dann auch alle Mühe, das ganze Areal zu beschallen. 

Eigentlich wollte ich es mir gerade bequem machen, als plötzlich dicke Panzerwagen mit UN Logo vorfuhren. Eine wichtige Person wollte anscheinend in's Restaurant. Da verzog ich mich lieber gleich wieder und latschte durch den menschenleeren Souk an die Küste. Es gibt schönere Strände, aber es passte hier gerade. 

In Beirut wurde es dann noch ungemütlich. Ich stieg an einer komischen Kreuzung tief im Süden der Stadt aus. Vorbei kommt ein hupender Autokorso, wo laute gröhlende Menschen irgendwelche Fahnen schwangen, jedenfalls keine Libanesischen. Der Stadtteil war mit Mauern und Stacheldraht verbarrikadiert und jede Menge Militär auf der Straße. Wo bin ich denn überhaupt, fragte ich mich, was mir an Ort und Stelle auch gleich beantwortet wurde. Hier ist die Hochburg der Hisbollah und heute ist gerade mal wieder Stress angesagt. Weit kam ich aber gar nicht, da zog mich schon ein Soldat aus der Menge. Wo ich denn hinwolle und was ich hier mache? Tourist natürlich, also wollte er das Hotel wissen. Dann wies er mir ein Taxi zu und sagte, ich solle sofort einsteigen.  

P.S.: Im Taxi denke ich nur noch eins. Betreutes Taxifahren ohne Aussteigemöglichkeit vorm Hotel. Hisbollah – eher Hisballaballa. Und als Frau? Ist man da bei der His-bollah oder der Her-bollah? Lauter Fragen, über die ich jetzt bei einem Bier grübeln kann. Lg an H1.