Freitag, 22. November - Basra

Operating Room
 
Viele der alttestamentarischen Ereignisse spielen sich im Zweistromland zwischen Euphrates und Tigris ab. Abraham war gestern und heute ist Adam dran. Wohlgemerkt Adam, von Eva ist hier nicht die Rede und auch den Anlegeplatz von Noahs Arche konnte ich heute ausfindig machen. Wo er all die Tiere her hatte, ist mir dennoch ein Rätsel. Denn hier leben außer Katzen und Hunden lediglich Schafe und für die Sümpfe im Süden des Landes üblich: Wasserbüffel. 
 
Rund 75 Kilometer vor Basra stehe mitten im Garten Eden bzw. dort, was man heute davon hält. Der Baum der Weisheit wäre demzufolge zigtausend Jahre alt, seitdem Adam, Eva und die Schlange ihren berühmten Apfel-Deal unter Dach und Fach oder der Situation angebracht formuliert, unter Ast und Baum brachten. Ein doch alt aussehendes Geäst wird hier streng vor Touristen eingezäunt der Öffentlichkeit als Adams Tree vorgestellt. Zwar wachsen schon lange keine Äpfel mehr, denn der Glaube versetzt bekanntlich nicht nur Berge, sondern offenbar auch Obst. Hier wo der Euphrates in den Tigris mündet und die restlichen Kilometer bis zum Meer den Shatt El Arab bildet. Beide Flüsse gehören zu den Rivers of Paradise, die dem Garten Eden entspringen. Glaubt man dem Buch Genesis, bin ich hier auf höchst biblischen Spuren unterwegs. Fehlt nur noch Noahs Arche.
 
Dabei ist hier alles ringsum Sumpflandschaft. Mir dem Boot mache ich einen Ausflug in die Marshlands und zu ihren Bewohnern. Dabei sind die Zustände hier alles andere als paradiesisch. Der Wasserpegel sinkt, seit Saddam einen Teil der Sümpfe trocken legen ließ. Der Grund: nahe der iranischen Grenze, wurde so ziemlich alles durch das Schilfdickicht geschmuggelt, was man sich so vorstellen kann. Insbesondere Waffen und Munition. Und auch der iranische Feind tauchte so unbemerkt auf irakischem Gebiet auf. Heute sind es eher Korruption und der Klimawandel, die das Problem verschärfen. All das geht zu Lasten der vielen Wasserbüffel, die hier heimisch sind.
 
Über eine Stunde Geht es mit einer Holzpiroge die unendlichen Wasserstraßen entlang. Hier ein Stop bei einem Farmer, da eine Einladung zum Tee und zwischendurch dem einen oder anderen Büffel hallo sagen. Ein bisschen wie Everglades oder das Mekong Delta, nur ohne Krokodile. Denke und hoffe ich jedenfalls. Mit einem grottenschlechten Kaffee endet der Trip in die Marshlands in einer Schilfrohr-Moschee. Gekocht wird hier vom Chef persönlich, einem Clan-Führer, der hier im Hinter- und Vordergrund die Strippen zieht. Offizielle Behörden haben hier nichts zu melden.
 
Die 75 Kilometer in die Hafenstadt Basra ziehen sich unendlich. Dass eine Hafenstadt eine andere Hausnummer ist, merke ich schon beim Nachmittagskaffee. Ein Iraker zieht mich in eine dunkle Garage und bietet mir türkischen Raki und Whisky an. Bier hat er allerdings nicht im Sortiment, so dass wir uns nicht handelseinig werden. Was damals mit Äpfeln funktionierte, läuft bei Spirituosen leider nicht. Vielleicht hat auch die Schlange gefehlt. 
 
Den Abend verbringe ich in Basra. In einem Viertel, in dem es ausschließlich Fashion Shops für Männer gibt - und einen boomenden Schwarzmarkt für Alkohol. Und so wurde das Syndikat gegen die Prohibition schnell gegründet. Ein Mitarbeiter des Hotels besorgt für einen kleinen Obolus eine Kiste Budweiser und Chips, funktioniert ein Zimmer zur Bar um und bereitet alles vom Kühlschrank bis zu den Eiswürfeln vor. Das ganze nannte sich dann Operating Room.
 
Auch Klopfzeichen werden vereinbart, nicht dass noch irgendwann die Miliz vor der Tür steht und die Scharia zur Anwendung bringt. Für Alkoholkonsum setzt es in den arabischen Ländern ja immer eine gehörige Portion Peitschenhiebe. Passiert ist allerdings nichts weiter, außer dass der Hotelbesitzer die Klopfzeichen nicht kannte und plötzlich mitten im Zimmer stand. Ich hatte mich schon beim Auspeitschen gesehen. 
 
P.S.: In den Cafés vor Ort entdecke ich Fußballübertragungen. Aber irgendwie merkwürdig. Da spielt Real Madrid und der FC Bayern gegen Dortmund. Spiele werden hier vom Vorwochenende gezeigt, was offenbar nicht jedem bekannt ist. Es steht 2-0 für die Bayern und ich verabschiede mich mit „komme beim 4-0 wieder“. Ob ich der Prophet wäre, so die Antwort. Ich sage lieber nichts, auf Prophetenlästerung steht hier noch mehr als jede Menge Peitschenhiebe. Oder Adams Baum der Fußball-Weisheit hat doch bei mir seine Spuren hinterlassen.