Donnerstag, 21. November - Nasiriya

Vadder Abraham

Gestern Abend tagte noch der Nationale Sicherheitsrat des Landes. Der Grund: ich hatte zur nachtschlafenen Zeit das Hotel verlassen, um mir noch etwas Verpflegung für den nächsten Tag einzukaufen. Zudem steht das Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft zu den zu erwartenden Freitagsprotesten gegen die Regierung. Und die sind hier von anderen Kaliber als im Libanon. Während man dort weitgehend gewähren lässt, wird im Irak auf alles geschossen, was sich bewegt.

Jedenfalls hatte ich mich bewegt und zwar nach draußen und das war das Problem. Gegenüber ein riesiges Café und ein Fitnessstudio. Beide hatten weder Käse oder eine Zero, sondern wie der Name schon sagt wahlweise Kraftfutter oder Kaffee. Also mache ich mich auf der Suche nach etwas essbarem Richtung Brücke. So nach zehn Minuten werde ich von einer Person auf einem Fahrrad angehalten, die mich in unverständlichem Arabisch anschnauzt. Was er sagte, weiß ich nicht. Was er wollte, umsomehr. Nämlich nichts wie zurück ins Hotel. 

Da ich ohnehin umdrehen wollte, folge ich unauffällig. Vor dem Hotel erwartet mich allerdings noch der Chef und zwar weniger unauffällig, im Schlafanzug und gerade noch schnell eine Jacke übergestülpt. Auch er ist ausser sich. Ob ich noch nichts von einer nächtlichen Ausgangssperre gehört hätte (Antwort: nein, aber Iraker waren ja auch draußen), ob ich wüsste, dass auf der Brücke die Protestierenden kampieren (Antwort: ja, und?), ob mir bewusst sei, dass die iranischen Milizen auf alles schiessen, was nachts bei drei nicht auf dem Baum ist (bei drei bin ich schon lange nicht mehr auf dem Baum und nach der Theorie müsste die Munition sowieso schon alle sein) und dass selbige aufgegriffene Touristen wahlweise verschleppen oder inhaftieren. Auch das halte ich mangels Touristen für ein eher unwahrscheinliches Szenario. Kurzum: am Vorabend zu erwartender gewaltsamer Proteste ist hier alles hypernervös. Die Frage, ob ich von meinen Zipfel-bemützten Hotelier ein Foto machen darf, verkneife ich mir dann lieber. 

Tagsüber bin ich die lange Strecke von Nadschaf nach Nasiriya gefahren mit zwei Stops in historischen Städten, oder was noch davon übrig ist. Zunächst Nippur verbunden mit einer längeren Wanderung. Man muss durch das feuchte Flussbett, das schafft kein Auto oder Bus. Dann Ur. Hier warten 4500-5000 Jahre alte Schätze der einstigen sumerischen Hauptstadt. Laut Bibel war Ur der Geburtsort von Abraham und zudem wird wie überall in Mesopotamien mit der Wiege der Zivilisation geworben. Doch es werden noch viele Jahre vergehen, bis die Reichtümer ans Tageslicht kommen. Man vermutet hier Bedeutenderes als das ägyptische Gizeh mit den Pyramiden und der Sphinx. Freigelegt ist derzeit aber nur ein pyramidenartiger Stufentempel, eine so genannte Zikkurrat, 5000 Jahre alt.

Auch hier haben die Amerikaner nach dem Sturz Saddams ganze Arbeit geleistet und alles platt gemacht. Die Errichtung von Militärstützpunkten genau an solchen Orten ist eben wichtiger als das archäologische Erbe der Menschheit. Jedenfalls findet man unzählige zerstörte Exponate mitten auf dem Gelände, über die einst Panzer und andere Militärfahrzeuge gewalzt sind. Theoretisch könnte ich mich hier ungestraft bedienen und zu Hause mein eigenes Vadder Abraham Museum eröffnen. 

Die Wiege von Abraham wurde gerade noch so vor Einbruch der Dunkelheit erreicht. Schuld hatten diesmal nicht die Checkpoints, sondern ein Kommando des Innenministeriums, welches seinen Begleitschutz geradezu aufdrängte. Unfreundliche Kumpane, die mich nicht aus den Augen liessen und jede Bewegung nach links oder rechts entweder mit prüfenden Augen begleiteten oder mit einem kräftigen Tippen auf den Rücken unmittelbar verboten. Es ist eben wie es immer ist. Herumlungerndes Militär will sich wichtig machen, der Tag muss ja irgendwie totgeschlagen werden.

Nach meinem nächtlichen Ausflug verkrümele ich mich ins Bett, in das sich bereits zwei Geckos gesellt hatten. Im Irak hast Du eben rund um die Uhr ungebetene Gesellschaft. Polizei, Militär, Miliz und Geckos.

P.S.: Nach sechs Tagen habe ich es geschafft, den Facebook Blocker der irakischen Server zu knacken. Im Iran hatte ich es damals nach zwei Tagen geschafft. Ich denke, ich sollte meine Hackerkenntnisse mal wieder auffrischen.