Mittwoch, 20. November - Kerbala / Nadschaf

Over-Shrined

Kerbela und Nadschaf sind die heiligsten Stätten der nach Mekka und Medina. Ayatollah Khomeini persönlich lebte 14 Jahre lang in Nadschaf, von wo aus er den Sturz des Schahs vorbereitete. Nadschaf mit seinen zahlreichen Minaretten und mächtigen Kuppeln beherbergt zudem einen riesigen Friedhof. Dort liegt auch das Grab Alis, eines Schwiegersohns von Mohammed. In Kerbela ist dann der Onkel des Propheten begraben. Die riesige Anlage ist größer als Mekka und wird auch vom mehr Pilgern besucht.

Und was sagt uns das alles? In den letzten 24 Stunden habe ich alleine fünf Schreine gesehen. Shrine-ing, wie der Hipster von heute sagen würde. Egal wo man hinkommt, findet man pompöse Bauten. Im Inneren bunten Mosaiksteine, Marmorböden, riesige Spiegel und Holztüren und kristallene Kronleuchter. Dazu Flatscreens mit religiösen Übertragungen und teils fanatischen Gruppen inklusive radikaler Prediger. Und dann: das Grab. Alle strömen auf dieses Ziel zu, werfen Stoffstreifen hinein, sprechen extrem emotional mit dem Toten. Scary ...

In Kerbala ist zwischen den beiden Schreinen ein Platz als Allee angelegt, wo jede Menge Pilger in decken gehüllt übernachten. Kein Wunder, denn auf den Bannern hier ist zu lesen: „Wir geben unser letztes Hemd für Imam Hussein.“ In Nadschaf ist dem Schrein ein Souq vorgeschaltet, wo man den üblichrn Krimskrams kaufen kann. Goldschmiede sind hier offenbar aber sehr gefragt. Hussein ist wie gesagt, der Onkel und in Nadschaf liegt Imam Ali. Wem die anderen Schreine gewidmet sind, habe ich vergessen, jedenfalls scheint Prophet Mohammed eine größere Verwandtschaft zu haben. Und ganz doof für all die Schiiten. Alle diese Heiligtümer sind für die Gralshüter der Shias, also den iranischen Ayatollahs, beim Nachbarn im Irak angesiedelt.

Wer es wirklich wissen will, der verbringt ein Stunde Abend in der Totenstadt. Ein Friedhof, auf dem je nach Quelle zwischen 2 und 7 Millionen Menschen begraben sind. Die Friedhofsverwaltung scheint hier schon länger den Überblick verloren zu haben. Immerhin gibt es eine solche und auch der Immobilienmarkt scheint hier zu blühen: Für ein Familiengrab in der Friedhofsneustadt kassiert die Verwaltung zwischen 6000 und 15000 Dollar. Da auch keine Gräber geräumt werden, wird ständig neu gebaut. Die 200 Dollar für den Totengräber fallen bei einer solchen Investition fürs Jenseits nicht weiter ins Gewicht.

Jedenfalls wollen alle Schiiten dem Imam auch im Tode ganz nah sein. Eine andere Erklärung lautet: Zwei Stunden nach Mitternacht hebt sich der Spiegel des großen Nadschaf-Sees. Dann landet in der Landschaft aus Millionen Gräbern ein Segelschiff. Ein Seelenfrachter, der die gerechten Toten an Bord holt und ins Paradies überführt. Die Schiiten glauben, dass nur diese eine Pforte direkt in ein glücklicheres Jenseits führt.

Nun ja man muss kein Prophet sein um zu erfahren, dass der Kutter nicht kam. Oder zumindest nicht pünktlich. Vielleicht arbeitet die Besatzung auch im Franchising mit der Deutschen Bahn. Nach einem langen Late Night Shopping mit anschließendem Friedhofsbesuch mache ich mich wieder von dannen. Leider ist das Nachleben in den beiden Städten etwas dürftig. Als Faustregel gilt: je heiliger die Stadt, desto unauffindbarer der Alkohol.

Es gibt ja Leute, denen die Nationalität wie unsichtbar in Gesicht tätowiert steht. Dass ich aber quasi überall als Pakistani oder vielmehr noch als ein Iraner vermutet werde, wird mit langsam unheimlich. Einmal - ok. Zweimal - sind halt doof hier. Aber zwischen 5 und 8 mal am Tag, das ist doch etwas merkwürdig. Zumal die Iraner trotz Religionsbruderschaft nicht sonderlich beliebt sind. Was überwiegend an den von Iran unterstützten schiitischen Milizen liegt. Erst vor wenigen Tagen wurde das iranische Konsulat in Kerbala niedergebrannt. 

Irgendwann bin ich es dann müde und sage auf die Frage: Irani? ein überzeugtes Yes! Während ich mich gedanklich unmittelbar am nächsten Galgen baumeln sah und kein Wort Farsi spreche, wird mir geglaubt. Und dat des Galgens Gans eine Tasse Tee Marke Diabetiker-Schock und unbeschreibliche Süßigkeiten (Baklava?) Marke Südzucker Premium. Hier in den Souks von Nadschaf ist der Kunde oder Fake-Iraner noch König.

P.S.: In einem Schrein findet sich eine Gruppe offensichtlich radikaler Islamisten inklusive Hass?-Prediger in Extase. Die Gläubigen schlagen sich rhythmisch und martialisch auf die Brust. Ich denke noch, ob das Hooligans sind, die sich aufs nächste Fußballspiel vorbereiten. Doch ich werde belehrt: Hooligans schlagen nie sich selbst - nur die anderen.