Dienstag, 19. November - Babylon

Saddams Babylon 

Kaum ein anderer Platz auf diesem Erdball hat einen so historisch, märchenhaften Klang wie Babylon. Und dabei kommen nicht nur die Schnulzen von Boney M. wieder hoch. „By the rivers of Babylon ....“, der eine oder andere kennt das ja noch. Doch nach den Jahren unter Saddam Hussein und der amerikanischen Besetzung erholt sich die legendäre Stadt nur langsam von ihrer jüngsten Vergangenheit.

Babylon zählte schon in der Antike zu den sieben Weltwundern, auch wenn damals jeder seine eigene Statistik führte und die Hängenden Gärten auch schon in Ninive, dem heutigen Mossul verortet wurden. Da kommen doch gleich Erinnerungen an die Spritztour von vor 6 Jahren hoch, die zwar nicht in Ninive, dafür eher im Nirvana enden. Diesmal ist es einfacher. Ich habe ein Visum und trotz unzähliger Checkpoints steht Babylon nach drei Stunden Fahrtzeit Richtung Süden 100 Kilometer von Bagdad entfernt quasi hinter der Haustür.  

Und mit Haustür ist erst einmal das magische dunkelblaue Eingangstor mit seinen orangenen und weißen Tierabbildungen gemeint. Bezeichnenderweise alles Einhörner, was den mystischen Charakter der Anlage gleich ins Bewusstsein ruft. Leider aber nur eine Replikation, das Original haben sich die Deutschen unter den Nagel gerissen und steht heute in Berlin.

Babylon war vor rund 4000 Jahren die Hauptstadt von Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrates und Tigris. Ersterer schlängelt sich auch direkt an Babylon vorbei. Aus dem Geschichtsunterricht ist mir noch König Nebukadnezar bekannt, unter dem das Reich seine Blüte erlangte. Und damit das Geschichtswissen ordentlich aufgefrischt wird, erhalte ich eine Broschüre. 35 Jahre alt und mir einer Abbildung von Saddam Hussein, nicht aber von Nebukadnezar oder der Anlage selbst. Ohnehin sind auch nur rund 5 Prozent archäologisch erschlossen und weitgehend durch Saddam mit wenig archäologischen Finessen wieder aufgebaut. Der Denkmalschutz in der Wetterau würde da in Schockstarre fallen, allerdings sässe bei deren Anforderungen bis heute vermutlich auch noch kein Stein auf dem anderen. 

Die UNESCO war begeistert, als Saddam selbst seinen Namen in Steinen der Anlage eingravieren ließ. Das liest sich dann in etwa so: ”In the reign of the victorious Saddam Hussein, the president of the Republic, may God keep him, the guardian of great Iraq and the renovator of its renaissance and the builder of its great civilisation.“ Er selbst sah sich wie jeder Diktator natürlich in der Tradition des Nebukadnezar und liess sich einen riesigen Palast auf einem Hügel mit Blick auf Babylon bauen.

Die Amerikaner haben der Anlage dann in ihrer Besatzungszeit ab 2003 den Rest gegeben und analog dem IS in Palmyra oder den Taliban in Bamyan vieles zerstört. Noch immer findet man an den Wänden Schmierereien mit einem klaren politischen Statement: No USA. 

Saddams Palast kann man übrigens besichtigen und die sagenhafte Aussicht über Babylon genießen. Der Palast selbst wurde vollständig geplündert und an allen möglichen Wänden mit Parolen beschmiert. Ein Guide, der sich hier über jeden der wenigen Touristen freut, bringt die Sache dann auch auf den Punkt: “Saddam Hussein was a horrible person, but the Americans were so bad that they made Saddam look like an angel.”

Die Sonne ist nach einem Stopp bei einem riesigen Fort bereits untergegangen, als wir Kerbala erreichen. Die Stadt beherbergt zwei der Heiligtümer der Schiiten und ist deshalb für viele Pilfer, bunte Beleuchtung, aber nicht gerade für ihr Nachtleben bekannt. Also nichts wie zu den Schreinen von Imam Hussein und Imam Al Abbas Rund um die Uhr geöffnet erwartet mich ein nächtlicher Lichterglanz vom Feinsten. Doch dazu morgen mehr.

Auf dem Rückweg mache ich Station in einer Hookah Bar. Die Dorfjugend qualmt hier mittels riesiger Wasserpfeifen um die Wetter. Mit den neugierigen Jungs, Mädels sehe ich keine, kann ich mich nur begrenzt austauschen, Sprachbarrieren eben. Selbst Germany versteht hier kaum jemand. Das Zeugs in der Pfeife hatte es dann auch in sich. Nicht ganz clean, würde der Experte sagen. Und so schleiche ich mich irgendwie mit dem Gefühl nach Hause, dass die bestellte Minze doch eher was zum Lichter ausblasen ist.

P.S.: In Saddam Palast sind überall Herze mit der Beschriftung A+H an die Wände geschmiert. Was das zu bedeuten hätte frage ich. Keine Antwort. Das H könne ja möglicherweise ich dein, aber wer ist dann das A? Antwort: Frag mal Deine Bekanntschaften aus der Disko von gestern.