Montag, 18. November - Samarra

99 Checking Points
 
Zunächst zwei Begebenheiten, die an unterschiedliche Orte führen. Die eine fast auf die Polizeiwache, die andere in ein für hiesige Kultur eher ungewöhnlichen Ort. 
 
Die allgegenwärtigen Checkpoints, Militärs, Milizen und Polizisten dürfen natürlich nicht fotografiert werden. Unabhängig von diesem immer wiederkehren Motiven gibt es in Bagdad Häuschen für Verkehrspolizisten. Schwarze Mütze mit Abzeichen als Dach, Polizeiuniform als Umrandung. Doch immer wieder Militär daneben, welche mich am fotografieren hinderten. Als ich dann doch ein Motiv knipse, traue ich meinen Augen nicht. Steht doch hinter mir einer vom Militär und tippt mir auf die Schulter. Was soll man da sagen, außer „Ich erschrak im Irak!“ Umgehend sollte ich das Foto löschen, was natürlich nur eingeschränkt funktionierte. Denn das man Fotos aus dem Gelöscht Ordner wieder zurück holen kann, hat sich bis Bagdad noch nicht herum gesprochen.
 
Auf dem Weg höre ich aus einer Spelunke laute Musik. Davor ein Plakat mit Bierwerbung. Dass es sowas in Bagdad gibt, wundert mich doch sehr, denn Alkohol in der Öffentlichkeit ist doch eigentlich tabu. Aber gut, ein kühles Bierchen abseits des Hotels ist nicht zu verachten. Als ich drinnen war, bot sich mir ein komplett anderes Bild. In der Mitte ein Keyboard-Spieler, der einen Höllenlärm machte und davor tanzende Damen in orientalischem Outfit. Allerdings waren die Damen weder aus 1000 und einer Nacht, noch führten sie den Tanz der Derwische auf. 
 
Bei Kneipen im Nahen Osten handelt es sich in der Regel um Animierkaschemmen, in denen neben Bier und Chips noch andere einschlägige Dienstleistungen angeboten werden. Und das Problem dabei: sobald Du einmal im Plüschsessel sitzt, kommst Du auch nicht mehr raus. So betreibe ich Konversation auf niedrigem Niveau. Denn das Englisch der massivst geschminkten Damen ist auf die Offerte der angebotenen Dienstleistungen beschränkt. Fehlte nur noch, das der Keyboard Pianist für mich Hans Albers in die Tasten haut: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins...“
 
Der Tag selbst führte zu den Spuren des Islamischen Staates. Die 120 Kilometer Richtung Norden nach Samarra werden auch als Death Road, also Todesstraße bezeichnet. Hier tummelten sich vor noch nicht allzu langer Zeit Sniper, die wahllos auf alles und vorzugsweise auf Amerikaner schossen. 2014 eroberte der IS die Region. Insofern sind die 50 Checkpoints allein auf dem Hinweg nicht allzu verwunderlich. Denn wie gestern schon erwähnt checken Militär und iranische Milizen unabhängig voneinander an teils gleichen Orten. Besonders die Milizen sind dabei bis an die Zähne bewaffnet, dass selbst Rambo oder die Inglorious Bastards vor Neid erblassten.
 
Angeblich gibt es immer noch Schläferzellen des IS, die in aufwändigen Militäraktionen ausgehoben werden oder eben nicht. Und dann kann es auch sehr schnell unangenehm werden. Samarra gleicht daher auch eher einer Militärbasis als einem beschaulichen Städtchen.
 
Zunächst geht es an den Ufern des Tigris zum komplett verspiegelten Al-Askari Schrein, der auch schon einige bombardments überlebt hat. Der Schrein mit den Gräbern zweier Nachkommen des Propheten erstrahlt trotz seiner 1100 Jahre in Silber-Gold-grünem Glanz.
 
Ausserhalb der Stadt finden sich die Redte der Großen Moschee aus dem 11.Jh. Das Minarett, das von außen mittels einer Art Wendeltreppe bestiegen werden kann erinnert an den Turmbau von Babel. 1000 Jahre trotzte es Wind und Wetter, bis es 2005 ausgebombt wurde. Die Amerikaner hatten den Turm für Sniperattacken genutzt.
 
P.S.: Irgendwie kommen wir auf Nena und ihre 99 Luftballons. Im Irak müsste der Song allerdings umgetextet werde. Bei 50 Kontrollen hin und der gleichen Anzahl zurück hiesse es hier: 99 Checking Points....