Sonntag, 17. November - Bagdad

Schneewittchen 
 
Heute ist Sonntag und die Hauptstadt immer noch im Belagerungszustand. Überall Straßensperren, die ein Vorwärtskommen zum Glücksspiel werden lassen. Strecken von 30 Minuten werden so zu Trips von fast zwei Stunden. Überall Demonstrationen, zu denen die Irakis Fahnen schwenkend mit Tuktuks oder Pickups fahren. Bei mittlerweile über 300 Toten kein Sonntagsausflug mehr. Für Ausländer ist zudem die komplette Innenstadt als auch die so genannte Grüne Zone tabu. Das ist die bereits in Kriegszeiten streng bewachte Gelände mit den diversen Regierungs- und Militärhauptquartieren.
 
Zwischen zahlreichen Demonstranten vor dem Ölministerium komme ich zum Denkmal für die Märtyrer. Eine riesige in zwei Teile getrennte türkise Kuppel, in deren Mitte eine Skulptur in den irakischen Farben zu finden ist. Im Untergeschoss eine riesige Halle mit Fotos von Gefallenen vorwiegend im Krieg mit dem Iran in den 80er Jahren. Fehlte nur noch die Musikuntermalung zu einer pathetisch patriotischen Stimmung. Alles wie geleckt. Die weiten Fluren wie der riesige Virplatz werden stündlich gewischt, ob jemand da ist oder nicht.
 
Der Irsk bezeichnet sich selbst als the Craddle of Civilisation, also die Wiege der Zivilisation. Auch wenn angesichts des IS, der unzähligen Kriege und Sprengstoffanschläge hiervon nichts übrig geblieben ist, gab es die Zeit der Babylonier und Mesopotamien vor rund 5000 Jahren. Einige monumentale archäologische Bauwerke wie das Cestiphon oder Abu Said sind heute noch in einem sehr schlechten Zustand zu finden.
 
Nervig sind die unzähligen Checkpoints. Weiter kommt man nur mit dem entsprechenden Kleingeld. Einmal dauerte die Passkontrolle über eine Stunde. Das Ergebnis: uns wurde ein Begleitkonvoi aufgeschwatzt. Also vor ein Pickup mit Sturmgewehr hinten schwer bewaffnetes Militär. Der Fahrer murmelt die gesamte Zeit nur etwas von Stupid, Stupid, ansonsten ist die Stimmung der Lage angemessen. Die düsteren Gesichter der Soldaten sprechen für sich. Erst vor den antiken Sehenswürdigkeiten wird die Lage entspannter. Fotos mit schwerem Militärgerät enden in der Übernahme eines Pickups unter deutsche Kontrolle. Und so sitze ich auf dem Pickup, die Kalaschnikow am Drücker mit einer Sprengstoffweste statt T-shirt und muss mich von den Soldaten fotografieren lassen wie ein Affe im Zoo. Scary ...
 
Auf der Rückfahrt dann ein typisches Irakisches Missverständnis. Urplötzlich ein Knall und ein Schlag, der den Bus erschüttert. Mein Gedanke: So ist das also, wenn eine Bombe einschlägt. Muss man nur noch auf die Explosion warten. Ich schaute mich um. Offensichtlich war ich der einzige, der die Gefahr mal wieder erkannte. Der Rest saß da wie Ali Baba und die 40 Valiumtabletten. So ist es in etwa, wenn auf der Busfahrt ein Reifen platzt. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten.
 
In der sengenden Hitze mussten alle Männer aussteigen, damit der Reifen ausgewechselt oder geflickt werden konnte. Ich weiß es nicht genau - denn ich musste sitzen bleiben und beobachte das Treiben von innen. So ist es also, wenn im Irak das Schiff sinkt:Frauen und Touristen zuerst oder beim Reifen flicken eben umgekehrt. 
 
In der Stadt fahren wir durch Little Las Vegas. Hier in Monsoor treffen sich die reichen und schönen. Teure Geschäfte, in denen es alles zu kaufen gibt. Es blinkt und glitzert in überdimensionalen Leuchtreklamen. Fehlen nur die Casinos oder Kneipen. Doch eine solche, vermutlich die einzige in ganz Bagdad finde ich am Abend. Doch dazu morgen mehr.
 
Zum Abschluss noch etwas von Schneewittchen. Ich hatte es gelesen und es entspricht zu 100 Prozent den Tatsachen: alle irakischen Mädels sehen aus wie Schneewittchen. Lange pechschwarze Haare, die Haut weiß wie Mehl. Ok, statt vom Märchenfilm könnten die auch vom Gothic Happening kommen. Auch die Attitüden sind vergleichbar. Während Schneewittchen dem Müßiggang frönte und sich bei den sieben Zwergen aushalten ließ, stehen die Damen in der Bar oder beim Frühstück gelangweilt in der Ecke. Seinen Kaffee oder ein Bier wird nur serviert, wenn man vorher aufsteht, sich Richtung Ecke bewegt und nach etwas fragt. Fehlt nur noch der Klassiker von Inge Ess: Du hast ja noch!
 
P.S.: Was mich wundert, sind nicht die vielen Checkpoints an sich, sondern dass diese manchmal nur 50 Meter hintereinander stehen. Des Rätsels Lösung: die einen sind vom Militär, die anderen von der iranischen Miliz. Es gibt hier zwei konkurrierende Gruppen. Doch das Geschäftsmodell ist das gleiche. Gegen einen kleinen Aufpreis darf man passieren. Lg an H1.