Samstag, 16. November - Bagdad

Spürnasen
 
Goodbye Beirut. Der letzte Abend in der Stadt wird zum Revival Trip. In jedem Stadtteil suche ich mir nochmals die Kulturszene Kneipe aus. Café 27, die mit dem Passwort deathat27. Auch den Hintergrund dessen habe ich mittlerweile rausbekommen. Er erinnert an die mit 27 Jahren verstorbenen Amy Winehouse, Kurt Cobain und weitere drei Musiker. Danach der Celtic Club, das Café 35, die Bodega Bar und zum Schluss natürlich Captains Cabin. 
 
Etwas angeheitert mache ich mich gegen drei Uhr morgens zum Flughafen. Ohne Zwischenfälle geht es über Cairo nach Bagdad. Der Abflug ist in einem abgelegenen Kellergeschoss, das ich bereits kannte. Hier ging im März auch der Flug nach Asmara in Eritrea ab. Gate H5 scheint hier der „Never come back“ - Gate zu sein.
 
Punkt 11.20 Ortszeit Landung auf dem Internationalen Flughafen von Bagdad. Früher hatte der auch einen Namen, aber seitdem Saddam Hussein das weite gesucht hat, ist den Regierenden nichts Neues eingefallen. Auch hier geht überraschend alles schnell. Passkontrolle 5 Minuten, aufs Gepäck warten 5 Minuten, nach weniger als 15 Minuten nach der Landung sitze ich im Taxi.
 
Unzählige Checkpoints machen die Strecke in die Innenstadt zu einer kleinen Odyssee. Was mir aber gleich auffällt: Während das Militär im Libanon einen sehr relaxten Eindruck machte, gibt sich jeder als Miniaturausgabe von Saddam Hussein. Schwarzer Schnauzer, dunkler Blick und als Sahnehäubchen noch ein Spürhund dabei. Der sollte bestimmt checken, ob die Sicherheitskontrollen im Libanon so lax sind wie das Militär. Ich könne ja eine Ladung Sprengstoff ins Land geschmuggelt haben.
 
Im Hotel angekommen mache ich erstmal ein Schläfchen und als ich wach werde, ist die Abenddämmerung bereits im Anflug. Also noch ein kleiner Trip ins Zentrum. Ich springe in einen Bus, der mir auf einem großen Platz in der Nähe des Hotels auffiel und trotz ausschließlich arabischer Zettel an den Wänden mir die Zuversicht gab, ins Zentrum zu kommen. Doch was da antuckerte sollte mich gleich daran erinnern, wo ich hier eigentlich bin. Trotz teils durchschossener WindSichtschutzscheiben ein richtiger Linienbus. Alle auf den hinteren Bänken starrten auf mich und sahen, als ich mich dort nach einem freien Platz umsah. 
 
Es gab ein derart großes Hallo, als wäre Allah persönlich eingestiegen. Verstanden habe ich erst mal nichts, denn auch mit dem Englisch der hiesigen Bevölkerung ist es nicht allzu weit her. Jeder will irgendetwas von mir wissen, was auch immer. Eine Erkenntnis gewinne ich sofort: Viele Auswärtige fahren hier jedenfalls nicht Bus.
 
Als ich dann mich zu einem Germany und Allemagne erdreiste, strahlten alle Mitfahrer befriedigt "Aaaaaah", so als fühlten sie sich bestätigt in ihrer Annahme. Deutsche haben es hier, wenn sie nicht gerade entführt werden etwas leichter, denn wir hatten uns damals ja dem Krieg verweigert. Apropos Verweigerung: bis zu einem bestimmten Punkt komme ich, dann wird sowohl dem Bus als auch mir die Weiterfahrt verweigert. Es ist Freitag und da nehmen die Proteste gegen die Regierung  immer Fahrt auf. Doch im Gegensatz zum Libanon versteht der Irak hier keinen Spaß. Iranische - genau, nicht Irakische - Milizen feuern hier Tränengas-Granaten auf das Volk ab. Granaten wohlgemerkt.
 
Gegen Abend mache ich mich ziemlich müde wieder ins Hotel. Das Nachtleben in Bagdad ist zwar vorhanden, doch findet es überwiegend als Picknick im Freien statt. Aber von wegen der Irak ist trocken. Auf dem Rückweg laufe ich an drei Alkoholläden vorbei, die ganz legal Schnaps und Bier verkaufen. Und im Hotel gibt’s eine Bar. Der Abend ist gerettet. 
 
P.S.: Als ich an der Kontrolle zum Hoteleingang vorbeikommen, ist natürlich auch der Spürhund wieder im Einsatz. Plötzlich schnuppert er was. Da wird mir doch niemand Sprengstoff untergejubelt haben? Doch die Lage beruhigt sich schnell. Er hatte es auf mein Käsebrot abgesehen!